1.
"In den Diskurs hätte ich mich gerne verstohlen eingeschlichen. Anstatt das Wort zu ergreifen, wäre ich von ihm lieber umgarnt worden, um jedes Anfangens enthoben zu sein. Ich hätte gewünscht, während meines Sprechens eine Stimme ohne Namen zu vernehmen, die mir immer schon voraus war. Ich wäre es dann zufrieden gewesen, an ihre Worte anzuschließen, sie fortzusetzen, mich in ihren Fugen unbemerkt einzunisten, gleichsam, als hätte sie mir ein Zeichen gegeben, indem sie für einen Augenblick aussetzte."
Der Besucher betritt einen halbdunklen
Raum. Über eine Leinwand fließt der Text, den niemand schreibt.
Die Tasten der Tastatur davor bewegen sich wie von Geisterhand. Eine monotone,
mechanische Stimme verliest den generierten Text, Satz für Satz.
Ohne die Nähe von Zuschauern schreibt
das System schnell und flüssig. Buchstabengewitter. Ohne Unterlaß
folgt ein Wort auf das andere. Nähern sich Besucher, gerät der
Textgenerator ins Stocken, zögert, verstummt zeitweilig ganz. Das
System überläßt dem Betrachter den Schauplatz, lädt
ihn ein, selbst in die Tasten zu greifen. Gibt dieser Worte ein, erscheint
sein Text wie der der Maschine auf der Leinwand. Poetry Machine
nimmt den Text auf und beginnt ausgehend von seinen Worten zu assoziieren.
Der Strom von Texten im Wechselspiel zwischen der Maschine und ihrem Benutzer
reißt nicht ab.
Kommen in der Eingabe Worte vor, die Poetry
Machine noch unbekannt sind, entsendet das Programm autonome „Bots"
ins Internet, um entsprechende Informationen zu beschaffen. Sie bewerten
das vorgefundene Material und füttern die Daten zurück an das
System. Der Suchprozeß der "Bots" kann auf einer zweiten Leinwand
verfolgt werden. Die besuchten Internet-Sites, ihre Bewertung sowie die
gefundenen Dokumente werden hier dargestellt.
Was Poetry Machine generiert, ist
stets verschieden und jedes Mal neu. Das Programm vermag deshalb auch seinen
Programmierer zu überraschen. Es variiert nicht ein Autor seine Sätze,
um Abwechslung zu erzeugen und schreibt sie statt auf Papier auf die Festplatte
einer Maschine. Wenn die Maschine startet, ist ihre Datenbank leer. Poetry
Machine beginnt als tabula rasa. Das Programm enthält lediglich
Routinen zur Prozessierung von Text, keine hartkodierten Datensätze.
Poetry
Machine verarbeitet Texte menschlicher Autoren und extrahiert deren
assoziative Verbindungen. Ihre hauptsächliche Informationsquelle sind
hierbei die gigantischen Textmengen des Internets. Hier schaut Poetry
Machine dem vernetzten Volk aufs Maul. In den resultierenden semantischen
Netzwerken sind Worte vor allem durch die Verbindung zu ihren Nachbarn
definiert. Ein Netzwerk verfügt über durchschnittlich 50.000
Verbindungen zwischen 10.000 Worten. Je öfter das System die Verbindung
zweier Worte beobachtet, desto stärker wird die Bahnung zwischen ihnen.
Wird ein semantisches Netz dadurch, daß der Benutzer ein Wort eingibt,
angeregt, folgt die Energie besonders starken Bahnungen und findet so assoziativ
verwandte Worte. Das sich ergebende Material wird in syntaktische Rahmen
eingefügt, die ebenfalls den eingelesenen Texten entnommen werden.
Die chaotische Komplexität des Netzwerkes reduziert sich auf die einfache
Linearität des Textes. Ein Faden wird aus dem Knäuel gezogen.
Die gefundenen Worte dienen als Ausgangspunkt neuer Assoziationen, die
so lange erfolgen, bis der Benutzer das System durch eine neuerliche Eingabe
unterbricht.
2.
"Mit den Jahren und Ideen werden
nun freilich - da ich den ganzen Tag mit Hochzeitstexten und Brautfackeln
am Traualtare stehe und nichts tue als Ideen kopulieren - die Soldaten-
und Priesterehen und die Ehen im verbotenen Grade zwischen besagten Gedanken
so anwachsen und sie alle so untereinander verschwistern und verschwägern,
gleich europäischen Höfen, daß im ganzen Kopf für
Geld kein geschiedenes Ideen-Paar zu erfragen ist und daß ich in
lauter Gleichnissen rede, fluche, bete und zanke."
Ich hätte gewünscht, während meines
Sprechens eine Stimme ohne Namen zu vernehmen, die mir immer schon voraus
war. Anonym. Wort aus keinem Mund. Chor, vielstimmiges Gemurmel, das
Antwort gibt, ohne daß eine Frage gestellt worden wäre.
Ahornbeschattete Terasse eines Cafés, die
Sonne malt helle runde Kreise auf Tische und Stühle, Samstagsidylle.
Da plötzlich züngelt Lauffeuer. Einer hat ein Wort gesagt, der
Wind trägt es den Ohren aller anderen zu. Stille. Und Post. Der Laut
wird von Gehör zu Gehör gereicht wie eine Tagesparole. Schibboleth.
Anderen Mündern, die nicht an sich halten können, entfallen andere
Worte, alle nehmen auch sie auf. Myriaden von Feedbackloops, immer schneller
läuft der Wortprozessor, immer heißer, die Wortmünze wird
geschluckt, sofort eine andere ausgespuckt, Ringlein Ringlein du mußt
wandern, geschluckt, wieder ausgespuckt, geschluckt, jetzt ein lautes,
ein tosendes Stimmengewirr, in dem die Stimmen sich mischen, ineinander
übergehen und neue Worte, unvorhergesehene Sätze ergeben, die
wiederum nicht ohne Abnehmer, ohne Echo und Antwort bleiben, ausgespuckt
geschluckt, ein erhitzter, atemloser Tausch, die Gäste kreisen nunmehr
in zunehmender Geschwindigkeit umeinander wie Planeten einer Galaxie, wie
Zahnräder eines Uhrwerks, wie räudige Hunde, als tanze man auf
Börsenparkett, eine euphorische rauschende Hochzeit, Hausse, der
bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist, berauscht
von den Klängen seltenster, exotischer, nie gehörter Worte, sie
geben sich den ausgefallensten Vergnügungen hin, bis der reißende
Strom urplötzllich seine Quelle wieder erreicht, ahornbeschattete,
der Vorrat an Spielsteinen ist erschöpft, ab jetzt läuft die
Zeit rückwärts, hammirschon, die Sprache überschlägt
sich, Worte purzeln Bäume, die Quelle verschluckt den Strom, reißende
Vergnügungen ausgefallenster Worte etc..; das System läuft rund,
die Hitze ist mittlerweile unerträglich geworden, Sprache brennt ab,
die Gesellschaft nähert sich schnellen Schrittes dem kollektiven Kollaps,
in einem Feuersturm wird ihr Lallen zusehends sinnlos, Kindergestotter,
rauschender Nonsens, lärmendes Rauschen, sinnloser Lärm. The
great fact emerges that after that historic date all holographs so far
exhumed initialled by Haromphrey bear the sigla H.C.E. and while he was
only and long and always good Dook Umphrey for the hungerlean spalpeens
of Lucalizod and Chimbers to his cronies it was equally certainly a pleasant
turn of the populace which gave him as sense of those normative letters
the nickname Here Comes Everybody.
Wort fällt-- Foto fällt-- Straßen
aufrollen. Maschine dreht durch.. das Realitätsstudio stürmen..
die Bandmaschine läuft.. Durchbruch in den Grauen Raum... Foto fällt,
Wort fällt. Der Realitätsfilm gibt nach und beult sich aus wie
ein Schott kurz vor dem Bersten.. die Zeiger stehen auf HYPER ..Eingänge
freikämpfen Wortverbindungen durchschneiden.. die Zeitmaschine dreht
durch und setzt wahnwitzige Befehle und Gegenbefehle ab - elektrische Stürme
der Gewalt fegen über den Planeten - Staatschefs drehen ihre Bildstrahlen
auf und versuchen die Welt mit billigen Kopien zu überschwemmen -
Die wiederum werden von Anti-Bildern hinweggefegt.. was ist das bloß
für ein Scheißapparat hier - Wo schaltet man denn hier um? -
Ah da - Bitte kommen.
Der Virus, der Sprache heißt, ist endlich ausgerottet.
Ich
stand an der Küste & redete mit der Brandung: bla bla.
Niemand. Spricht. Niemand. Schreibt. Meinen berühmten
Namen, Kyklop? Du sollst ihn erfahren. Aber vergiß mir auch nicht
die Bewirtung, die du verhießest! Es rechnet im Hintergrund.
Der Feuersturm hat alle Scrabblesteine abgelöscht in schwarzem Schmelz,
die Luft in hiesigen Gefilden ist so dünn geworden, daß der
Äther keinen Schall mehr trägt. Du bewegst die Mundöffnung,
könnte ich Lippen lesen. Merci, je vais bien, je vous emprie.
Panisches Hämmern auf den Schädel des anderen,
wenn nichts mehr geht. Ich bekomme den Mund nicht auf, die Kiefer schieben
sich in entgegengesetzte Richtungen. Daß es mir das Gesicht zerreißt,
mittendurch. Daß. Es. Mir den Zahn aus dem Kiefer bricht. Es. Kennt
keine Gnade. Es. Kennt den Menschen nur als Toten. Es, oh, Es. Geht
seinen Gang.
Am Nullpunkt. Auf dem Bildschirm weniger als Schneegestöber.
Pixel, schwarz und weiß, flimmern im Fernseher ohne Kanal, der den
Raum, die zusammengesunkene Gestalt auf dem Sofa, bläulich flackernd
erhellt. Die Verteilung der Pixel ist sinnlos. 25 Bilder pro Sekunde, voneinander
unabhängige Ereignisse, geschehen. Faszinierende, leuchtende Fläche
des Unsinns, Tor zu einer anderen Welt.
Ich presse mein Ohr an das Modem, lausche dem Stakkato
des Rauschens, dem rhythmischen Fiepen, Unterhaltung zwischen zwei Maschinen,
bereits antiquiert. Spräche ich ihr Morse:
- 220 khm.de ESMTP Sendmail 8.9.1a/8.9.1; Thu,
23 Aug 2001 14:03:43 +0200 (MDT)
- HELO mail.khm.de
- 250 khm.de Hello celeronx2-1.khm.de [194.95.161.61],
pleased to meet you
Man muß weiterreden, ich kann nicht weitermachen, man muß weiterreden, man muß Wörter sagen, solange es welche gibt; man muß sie sagen, bis sie mich finden, bis sie mich sagen - befremdende Mühe, befremdendes Versagen; man muß weiterreden; vielleicht ist es schon getan, vielleicht haben sie mich schon gesagt, vielleicht haben sie mich schon an die Schwelle meiner Geschichte getragen, an das Tor, welches sich schon auf meine Geschichte öffnet (seine Öffnung würde mich erstaunen).
Seit den 60er Jahren versucht die Forschung im Bereich Künstlicher Intelligenz ängstlich, die Dimension des Sinns durch das sinnferne Rauschen der Maschinen hindurchzuretten, denen alles gleich gilt. Die zusehends analphabetisierte Bevölkerung wohnt blinzelnd bei.
Nach dem Sturm, hinter dem Spiegel: Hier liegt ein ausgedehntes, von Kräften verlassenes Feld, in dem alles möglich und gerade deshalb nichts wirklich ist. An Stelle der Enge der Skripte und Rahmen ist eine Weite getreten, die schwer zu zügeln ist. Diesem Rauschen entnimmt Poetry Machine etwas, stellt es zur Sprache.
(Zitate von: Michel Foucault, Aristoteles, Martin Luther, Jean Paul, der Bibel, G. W. F. Hegel, Daniel Paul Schreber, James Joyce, William S. Burroughs, Heiner Müller, Homer, Jean-Luc Godard)


Project info:
Poetry Machine (version 1.0). Eine Installation von David Link.
Technical support: Stefan Doepner, Lars Vaupel (f18),
Robert O'Kane.
Coproduced by: ZKM, Karlsruhe; Neue Galerie, Graz.
Supported by: KHM, Köln.